[...]
Mitte Juni unternahmen die Rosen tapfere Versuche zu einem Comeback.
Das sie überhaupt noch am Leben waren, überraschte Maggie, aber sie hatte sie
mit großzügigen Mengen eines Rosendüngers versorgt, sowie eines Gebräus, das
Tristan gemischt hatte, und schon bald erschimmerten ihre weißen Blüten an
Pergola und Mauern. Die Paeonien waren so unglaublich wie eh und je. Schamlose
Show Girls. Gäbe es in Las Vegas eine Gartenschau, wären sie mit ihrer fülligen,
toupierten Pracht deren Stars gewesen. Weiter hinten, wo es schattiger war und
der Garten wilder, standen Irisblüten wie purpurfarbene Wächter. Neben dem
Plattenweg waren die Lupinen wieder da, und es gab berechtigte Hoffnungen auf
Ritterspornblüten.
"Was hast du Ihnen gegeben, Liebster? "Hatte sie gefragt.
"Irgendeinen Zaubertrank?"
"Nichts dergleichen. Ich habe sie nur von unnützem Ballast befreit, um ihnen
mehr Spielraum zu geben."
Maggie kam nicht um die Erkenntnis herum, dass diese Methode weit über
Rittersporne hinaus Erfolg versprach.
Im zweiten Senkgarten hatten sich die Farne entfaltet. Farne schienen die
einzigen Pflanzen zu sein, die trotz Vernachlässigung gediehen, und noch nie
hatte Maggie sie so schön erlebt. Der gesamte kleine Garten war ein einziger
Miniatur-Wald aus Farnwedeln. Es gab mindestens ein Dutzend verschiedener
Sorten, die Maggie im Laufe der Jahre gesammelt hatte. Viele stammten aus
Monsignor Johns Garten hinter dem Pfarrhaus. Er hatte ihr die Sporen von vier
oder fünf Arten geschenkt. Majestätisch ruhte der Fels, der Tristan vom ersten
Garten aus wie ein Berg vorgekommen war, inmitten der Farne. In einer Ecke des
Gartens prunkte eine große Fläche Ehrenpreis mit seinen winzigen blauen Blüten.
Maggie hatte weitere Moospflanzen für ihr Beet versetzt. Jetzt hielt sie
nachdenklich inne. David Webber hatte sie angerufen und von einem langen
Gespräch mit Adams und dessen heikler finanzieller Lage berichtet. Er wollte
wissen, ob sie zum Verkauf einiger Aktien bereit wäre. Unter Umständen könnten
sie Gelder von Treuhandfonds B auf den Treuhandfonds A transferieren, was sich
in steuerlicher Hinsicht für Maggie sogar als Vorteilhaft erweisen könnte.
Maggie hatte um Bedenkzeit gebeten. Doch im Grunde war sie es leid, sich über
ihre Kinder und deren Probleme den Kopf zu zerbrechen. Bisher hatte sie Ceil
zwei Briefe pro Woche geschrieben. Leicht war es ihr nicht gefallen. Sie wusste
nicht, was sie schreiben sollte. Ihr Leben bestand jetzt aus ihrem Garten und
Tristan. Und das wollte sie für sich behalten. Sobald jemand etwas davon erfuhr,
würde die absurde Fragerei beginnen. Nun, was konnte schon daraus werden?
Mussten in Tristans und ihrem Alter die Dinge denn unbedingt zu etwas führen?
Mitunter erhob sich die bohrende Frage, was geschah, wenn der Winter kam.
Vielleicht würde sie sich einfach wie die alten Farne zur Ruhe begeben.
Es kam Maggie wie eine Pietätlosigkeit vor, mitten im Sommer über den Winter
nachzudenken. Eine echte Perversion des Yugen und eine Respektlosigkeit
gegenüber der Gelassenheit, dem Mysterium und der Weisheit der Natur.
Aus irgendeinem Grunde erinnerte es Maggie an eine Unterhaltung, deren
Ohrenzeugin sie zu Beginn des Frühlings in einer Gärtnerei geworden war.
Mit sehr lauter Stimme hatte eine Frau dem Gärtner ihren Garten in Beacon Hill
geschildert. Sie waren erst wenige Wochen zuvor eingezogen, und man hatte sie
eingeladen, sich mit ihrem Garten an dem im Frühjahr üblichen Wettbewerb zu
beteiligen. Sie wünscht sich eine Pflanze, die in der folgenden Woche garantiert
blühte. Der Gärtner führte die Frau zu drei plusterigen, kleinen Azaleen, deren
Knospen sich innerhalb der nächsten acht Tage zu lachsfarbenen Blüten öffnen
würden. Auch das war das Gegenteil von Yugen. Es war besser, einen Garten sich
selbst zu überlassen, wie sie es getan hatte, selbst auf die Gefahr hin, dass er
der Vernachlässigung anheimfiel, als alles mit Stumpf und Stiel auszureißen und
statt dessen Rasen zu säen, säckevoll teuren Mulch zu verteilen und an
exponierte Stellen ein paar protzige Pflanzen zu verteilen die wie auf Kommando
blühten. Sie sah den Garten der Frau förmlich vor sich:
eine Raseneinöde und drumherum diesen grauenhaften rotbraunen Rindenmulch.
Obszön und blasphemisch.
[...]
Ó E. L. SWANN (Kathryn Lasky)
erschienen im Ullstein Verlag und Weltbild Reader